Freitag, 27. November 2020, 17:48
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„Wir brauchen wieder massiven zivilen Ungehorsam“

Interview mit Peter-Maffay-Gitarrist Carl Carlton

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Interview mit Maffay-Gitarristen Carl Carlton über sein Verhätltnis zu Robert Palmer und seinen Einstieg bei der Bruce-Springsteen-Band, den es nie gab.

BaWü: Du hast dein Handwerk gelernt, indem du als kleiner Junge die Musik von Ray Charles, Chuck Berry und John Lee Hooker gehört hast. Glaubst du, dass die Musik des frühen Rock’n’Roll und Blues die Basis für jeden guten Gitarristen egal welcher Stilrichtung ist?

Carl Carlton: Das ist definitiv so und geht in der Zeit sogar noch weiter zurück bis in die Wiege des New Orleans der frühen Jahre.

BaWü: Du fühlst dich eng verbunden mit dem bereits verstorbenen Robert Palmer, deinem langjährigen Mentor und Freund. Abgesehen von den vielen Frauen im Publikum bei Livekonzerten, was war das Faszinierende an Robert Palmer, der doch äußerlich so untypisch Rock’n’Roll war?

Carl Carlton: Robert war in der Tat mein „gefühlter älterer Bruder“, den ich nie hatte. Er war ein hoch intelligenter Künstler und wissender Lehrmeister aller Kultur. Nicht nur ein fantastischer Sänger, sondern auch ein grandioser Musiker und Produzent mit einem wahnsinnig umfangreichen musikalischem Allgemeinwissen. Dazu ein weltmeisterlicher „Coach“ und Psychologe, der es vermochte mir Dinge zu entlocken, die ich im „normalen“ musikalischen Leben mir nie zugetraut hätte. Kein Rock n’ Roller? (… das Wort muss seit Andreas Gabalier, oder wie der Mensch heißt, sowieso neu definiert werden). Robert war die Inkarnation von „Letting the Good Times roll“!!!

BaWü: Die 80er Jahre waren in Deutschland nicht gerade ein Eldorado für Gitarristen. Damals standen Synthesizer wie der DX7 von Yamaha oder der Prophet-5 im Vordergrund. Wie hast du dich als Gitarrist alter Schule damals mit dieser Dominanz arrangiert?

Carl Carlton: Komplett ignoriert und meinen Stiefel weiter durchgezogen! Mir den Scheiß erst gar nicht angehört. Ich esse ja auch kein verschimmeltes Brot (lacht!).

BaWü: Kannst du dich heute noch in den Allerwertesten beißen, eine Tour mit Bruce Springsteen ausgeschlagen zu haben, um statt dessen lieber mit deinen Kindern in den Urlaub zu fahren?

Carl Carlton: Keineswegs. Das war eine sehr gute, aber zugestanden, mutige Entscheidung. Er hat mich später nach NY zur Reunion der E-Street-Band eingeladen. Wir sind gute Bekannte!

BaWü: Wenn also jetzt Mick Jagger bei dir anrufen würde .. Keith Richards wäre aus dem Baum gefallen und hätte seine Hand gebrochen … ob du nicht Zeit und Lust hättest, mit den Stones auf Welttournee zu gehen? Alles rein hypothetisch …

Carl Carlton: …in der Tat! Hätte meine Oma einen Pimmel – wär sie mein Opa! Egal, ob es der Papst oder Tom Petty wäre. Ich würde mich immer nach meinem Gerechtigkeitssinn und den Umständen orientieren. Die Kinder sind unantastbar! Einzige Ausnahme: Ry Cooder (lacht!).

BaWü: In Stuttgart ist es zur Zeit so, dass Großkonzerte wie mit den Stones von den Konzertveranstaltern nicht mehr gebucht werden, da trotz vollem Stadion aufgrund horrender Gagenforderungen und hoher Auflagen der Verwaltung rote Zahlen geschrieben werden. Widerspricht das nicht den Idealen des Rock’n’Roll, als Musiker um jeden Preis auf die Bühne wollten und dafür unter Brücken schliefen? Was ist da schief gelaufen?

Carl Carlton: Bei aller Sympathie – du gebrauchst das Wort R & R zu oft nach meinem Gefühl. Swing, Be-Bop, Blues … you name it … haben doch auch ein Recht auf die „Brücke“. Ich habe mich selbst über die Ticketpreise für meine Konzerte gewundert, woran du erkennst, dass die Künstler nicht immer mitbestimmen. Auf der anderen Seite, wenn die Leute die Preise zahlen wie z.B. bei den Stones und keiner streikt oder boykottiert, ist doch – außer für den bankrotten Promoter – alles ok. Keiner zwingt ihn die Stones zu buchen. Was ist schiefgelaufen? Lights out In Wonderland – Verlust der Werte durch gnadenlosen brutalen Egoismus der führenden Länder. Die Moral der Banken z. B. spiegelt doch dieses menschliche Makel wider. … Viel schlimmer – das Schweigen der Mehrheit macht teure Tickets sowie inszenierte Kriege inklusive ISIS ja erst möglich. Wir brauchen wieder massiven zivilen Ungehorsam!

BaWü : Du hast mal zu den Anfängen bei der Peter-Maffay-Band gesagt, es sei eigentlich nicht deine Musik gewesen und du fühltest dich als Gitarrist unterfordert. Wie viel Carl Carlton steckt heute in Peter Maffay?

Carl Carlton: In der Gitarrenarbeit eine „noch“ ganze große Menge. Auch übernommen von den „Neuen“ in der Band, … genau wie bei Udo, wo ich die gegenwärtigen Gitarrenarrangements zusammen mit Hannes Bauer von Mitte der 90er bis 2005 geprägt habe. Aber der musikalische Inhalt und die Texte lassen zumindest bei einem der beiden in den letzten Jahren stark nach.

BaWü: In der Maffay-Band sorgst du neben Peter Keller für den typischen Maffay-Sound. Euch trennen fast 20 Jahre. Was kann ein alter Hase von den jungen Wilden noch lernen?

Carl Carlton: Feeling, Feeling, Feeling und dass die nicht gespielten Töne die wichtigsten sind. Manche lernen es halt leider nie!

BaWü: Zu deinem aktuellen Programm” Songs & Stories – Woodstock & Wonderland”: Auf was können sich deine Fans gefasst machen?

Carl Carlton: Wie der Titel schon ankündigt – Songs and Stories. Ein langes Programm mit stillen, – noch stilleren, aber auch lauten Tönen. Laut im Sinne von vielleicht Tom Petty oder The Band, nicht unbedingt Black Sabbath (lacht!) Dazu gibt es, aus meiner Perspektive beurteilt, interessante Geschichten zu Songs, Musikgeschichte, unmöglichen geliebten Exzessen und Hommagen an meine Idole, mit denen ich zusammenarbeiten durfte. Langeweile Go home! Nahtlos an den „Spirit Of Woodstock“ schließen sich auch die Songs meines neuen Albums „Lights Out in Wonderland“ an (wird zur Tour veröffentlicht, Anm. der Redaktion) und natürlich auch Songs aus meiner Songdogs-Ära.

BaWü: Welche Philosophie steckt deiner Meinung nach hinter der Woodstock-Ära? Und was unterscheidet diese Zeit musikalisch von der heutigen?

Carl Carlton: Integrität, Authentizität und gesunde, selbstlose Kreativität und Inhalt!!!

BaWü: Du bist jetzt 59 Jahre alt. Möchtest du den jungen Leuten auch ein wenig die Qualität der Songs von damals näher bringen, damit diese nicht vor lauter Katy Perry, Avicii und Lana Del Ray in Vergessenheit geraten?

Carl Carlton: Never mind Lana del Ray, – die finde ich ja gut! …ich weiß aber, worauf du hinaus willst. Klar möchte ich genau wie Jack White als Messenger der gehaltvollen Musik und Songs zu euch kommen. Der Unterschied: Jack spricht seine Generation direkt an. Bei mir ist der Publikumsdurchschnitt dann doch (noch) etwas älter – aber eben nicht nur – und das macht mir berechtigte Hoffnung!

BaWü: Für die Experten unter uns: Wie sieht dein Live-Equipment aus?

Carl Carlton: Das wird sich in den nächsten Wochen bei den Vorbereitungen definieren. Duesenberg CC Gitarren, diverse Strats und Telecaster, mindesten 3 Acoustic-Gitarren, 2 Mandolinen. Ich brauche halt wegen meiner diversen verschiedenen Stimmungen (mindestens 4 verschiedene Tunings) und Soundcharakteren leider eine ziemliche große Auswahl. Wegen des Aufwands und der damit verbundenen Pflege beneide ich manchmal schon Player wie Stevie Ray Vaughn oder Rory Gallagher, die mit einer Klampfe auskommen, … aber mal ehrlich … ist auch ein riesen Spaß!!! (lacht!)

BaWü: Wenn man in 50 Jahren zurückdenkt: Carl Carlton, das war doch der, der … der was??

Carl Carlton: … der den Roll mehr mochte als den Rock!

BaWü: Vielen Dank Carl, dass du dir die Zeit genommen hast

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