Freitag, 14. August 2020, 01:21
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„Wenn Jesus aus Paderborn gekommen wäre …“

Interview mit dem Comedian Rüdiger Hoffmann

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BaWü: Wo bzw. wie haben Sie Ihren Charakter des „etwas langsamen Ostwestfalen“, den Sie mittlerweile seit über 20 Jahren auf die Bühne bringen, entwickelt?

Rüdiger Hoffmann: Ich bin auch privat ein ruhiger Charakter, eher introvertiert. Als Ostwestfale ist man eben kein Hektiker. Wenn man wie ich aus Paderborn kommt, ist der Humor etwas trockener und man braucht nicht viele Worte, um etwas auszudrücken. In meinen Programmen verarbeite ich viele persönliche Erlebnisse. Wenn Jesus aus Paderborn gekommen wäre, dann hätte das komplette Alte Testament auf ein DIN-A4-Blatt gepasst.

BaWü: Ihr Humor lebt eigentlich zwischen den Zeilen Ihrer Texte, sie nennen das immer gern „Kopfkino der Zuschauer“. Ist das ein Schlüssel zu Ihrem Erfolg, dass das Publikum zum Mitdenken angeregt und nicht à la Mario Barth in Grund und Boden geschrien wird?

Rüdiger Hoffmann: Ich bleibe mir treu. Ich bin ein Geschichtenerzähler, der seine Pausen zwischen den Sätzen braucht, damit die Bilder in den Köpfen der Leute entstehen können. Es wird mal laut und mal leise. Ich finde es schön, wenn man die gesamte Bandbreite auf der Bühne hat und nicht die ganze Zeit nur Vollalarm macht. Ich möchte das Publikum in erster Linie entschleunigen. Unsere Umwelt ist viel zu hektisch, laut und schnell geworden!

BaWü: Hatten Sie damals keine Bedenken, dass das Publikum spätestens nach Ihrem zweiten Programm von „Ja, hallo erst mal“ gelangweilt ist?

Rüdiger Hoffmann: Nein, ich habe mehr das Gefühl, dass die Leute es gerade in dieser hektischen Zeit genießen da zu sitzen, zuzuhören und sich dabei zu entspannen. Ich bin froh, dass es heute vielmehr darauf ankommt, dass wir mal aus dem Alltag fliehen können. Das möchte ich auch den Zuschauern mit auf den Weg geben und versuchen sie zwei Stunden in meine Welt zu entführen.

BaWü: In den 90iger Jahren brachten Sie die Stand-up-Comedy nach Deutschland. Inwieweit hat diese dem deutschen Humor bis dahin unbekannte Darbietungsform die Comedy- bzw. Kabarettszene geprägt?

Rüdiger Hoffmann: Damals, nach den ersten Auftritten bei RTL Samstag Nacht, kam so ein richtiger Comedy-Boom ins Rollen. Es war nicht nur mein Durchbruch, sondern auch der Beginn der Stand Up Comedy in den Hallen und Theatern. Vorher kannte man in Deutschland nur Kabarett, aber mit Samstag Nacht wurde die Stand Up Comedy in Deutschland geboren. Eine fantastische Zeit.

BaWü: Sie haben immer wieder musikalische Teile in Ihre Programme aufgenommen. Was wären Sie lieber: Musiker oder Comedian?

Rüdiger Hoffmann: Nach dem Abitur habe ich ein paar Semester Musik studiert, aber ohne Abschluss. Dann ging es los mit dem Kabarett. Eigentlich bin ich erfolgreicher Autodidakt, aber Musik gehört weiterhin zu meinem Leben und zum Programm. In meinem Programm spiele ich vier bis fünf Songs. Ich finde das schön für die Dramaturgie. Früher hatte ich 18 Lieder im Programm, dafür allerdings nur vier Sprechnummern. Das hat sich gedreht.

BaWü: Sie haben mal gesagt den Olaf und die Birte gäbe es wirklich als Inspirationsquelle in Ihrem Bekanntenkreis. Grüßen Sie sich noch?

Rüdiger Hoffmann: Ja klar. In dem letzten Programm gab es eine Nummer mit Olaf und Birte im Pärchenurlaub. Ich habe dazu viele Fanzuschriften und E-Mails bekommen. Sogar bei den iTunes-Charts ist es immer noch die beliebteste Sprachnummer und viele wünschten sich eine Fortsetzung. Daher habe ich mich noch einmal auf die Reise mit Olaf und Birte begeben. Diesmal geht es nicht nach Dänemark, aber ich kann versprechen, dass es noch besser wird.

BaWü: Sie gastieren am 25. April mit Ihrem neuen Programm „Aprikosenmarmelade“ in Schwäbisch-Hall. Ich als Norddeutscher muss Ihnen sagen, dass das schwäbische Publikum ganz speziell ist und lange braucht, um warm zu werden. Wie wollen Sie die Schwaben knacken?

Rüdiger Hoffmann: Es gibt schon starke regionale Unterschiede. Die Bayern, die die Schenkelklopfer lieben, der Osten, der es lieber schlüpfrig mag und die Rheinländer, die so laut lachen, dass ich fast von meinem Stuhl kippe. Überall ist es anders, und das ist auch schön. Der Norddeutsche ist der stille Lacher, der Genießer! Der gerne durch Anstubsen nach rechts und links den Nachbarstuhl zum Lachen animiert. Ich bin gerne in Norddeutschland, aber auch in Schwaben. Ich mag die Leute da sehr.

BaWü: Muss man als Comedian sein Publikum vor einem Auftritt kennen und studiert haben, um zu wissen, was ankommt und was nicht? Oder müssen sich die Leute nach Ihnen richten?

Rüdiger Hoffmann: In der Regel reise ich immer in der Nacht zuvor in einer Stadt an, wo am nächsten Tag der Live-Termin ist. Dann gehe ich immer zwei, drei Stunden durch die Stadt und hole mir Eindrücke. Das ist ja das Tolle an meinem Job. Ich kann so vieles sehen und erleben. Und wenn mich dann einer mit HALLO ERSTMAL anspricht, antworte ich freundlich und denke, was für nette Leute hier…

BaWü: Die Paderborner können nicht nur Comedy, sondern auch Fußball. Ist der Abstieg noch zu verhindern?

Rüdiger Hoffmann: Der Ostwestfale kommt langsam, aber dann gewaltig! (lacht)

BaWü: Ingo Appelt hat mal bei uns im Interview gesagt, die deutsche Comedy ist seicht und belanglos. Sehen Sie das ähnlich?

Rüdiger Hoffmann: Es gibt heutzutage viel mehr Comedians. Über viele kann ich – ehrlich gesagt – nicht lachen. Vieles ist platt, nicht ausgereift und laut. Viele haben kein echtes Programm, mit dem sie auf einer Bühne bestehen könnten, sondern nur eine gute Nummer. Solche Leute sind ganz schnell wieder weg – auch, weil sie sich nicht entwickeln konnten. Es gibt aber auch Künstler wie Gerd Polt, die ein tolles Programm haben und die ich sehr schätze.

BaWü: Stellen Sie sich vor in 50 Jahren sagt jemand, Mensch, der Rüdiger Hoffmann, das war doch der, der … der was?

Rüdiger Hoffmann: Gute Frage. Vielleicht: Der Westfale, der immer noch mit seinem Stuhl auf der Bühne steht (lacht).

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