Mittwoch, 19. Februar 2020, 19:06
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„Ich war kurz bewusstlos, aber die Band spielte weiter“

Interview mit Foreigner-Sänger Kelly Hansen

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Interview mit Foreigner-Sänger Kelly Hansen über den Tagesablauf eines Rocksängers und seinen Einstieg bei Foreigner.

BaWü: Wie sieht der Tagesablauf eines professionellen Musikers aus? Ich gebe dir jetzt die Chance mit allen Vorurteilen aufzuräumen.

Kelly Hansen:(lacht!) In der Regel sieht mein Tagesablauf so aus: Ich wache irgendwo in einem Hotelzimmer auf, packe meine Sachen, fahre zum Flughafen und fliege in irgendeine Stadt. Oder alternativ sitze ich in einem Tourbus und lasse mich in irgendeine Stadt fahren. Dann spielen wir ein Konzert, gehen zurück ins Hotel zum Schlafen. Dann wache im am nächsten Tag auf, packe wieder meine Sachen ein und steig in den Bus.

BaWü: Du verkaufst deinen Job aber nicht wirklich gut.

Kelly Hansen: Das ist kein Witz, genauso ist das. Ich hoffe, dass ich dann gerade in einer interessanten Stadt bin, so dass ich tagsüber wenigstens irgendetwas unternehmen kann. Wenn das nicht möglich ist, hänge ich mit den Jungs im Hotel rum oder arbeite am Computer.

BaWü: Das klingt jetzt alles nicht so spannend. Was denkst du, ist das Beste an deinem Job?

Kelly Hansen: Die Arbeit auf der Bühne ist einfach großartig. Wenn du weißt, dass es da draußen Menschen gibt, die einfach mögen, was du tust, das bedeutet mir wirklich viel, das ist ein unbeschreiblich gutes Gefühl. Und überall, wo wir hinkommen und Konzerte geben, werden wir von den Menschen zuvorkommend behandelt. Und dann bekommst du natürlich immer den besten Tisch im Restaurant. (lacht!)

BaWü: „I want to know what love is“ kam 1984 raus. Im gleichen Jahr hast du die Hardrock-Band Hurricane gegündet. Sei ehrlich, warst du damals ein Fan von Foreigner?

Kelly Hansen: Ja, ich habe die Musik von Foreigner von Anfang an sehr geschätzt. Man darf nicht vergessen, dass Hurricane meine erste Heavy-Band war, in der ich jemals gespielt habe. Davor war ich mehr in Richtung R&B und Popmusik unterwegs. Musik, die Foreigner sehr ähnlich war. Ehrlich gesagt war Hurricane auch mehr eine Pop-Metal-Band, musikalischer als viele der damaligen Heavy-Metal-Bands.

BaWü: Wie war das erste Treffen mit Foreigner?

Kelly Hansen: Ein paar von den Jungs kannte ich bereits vorher. An dem Tag unserer ersten Session habe ich mich sehr auf meinen Gesang konzentriert. Ich wusste, dass ich 5 oder 6 Songs singen sollte. Mir war wichtig, die Texte nicht zu vergessen und gut zu performen. Mick Jones hatte unsere erste Probe auf Band aufgenommen, was mir zur damaligen Zeit nicht bewusst war. Und regelmäßig nach ein paar Stücken ging er wieder raus auf den Flur und hörte sich die Aufnahmen an. Ich bin froh, dass ich das damals nicht wusste. Alles in allem war es schon schwierig, aber es hat auch Spaß gemacht und als wir dann anfingen zu jammen, war alles gut.

BaWü: Und hat die Chemie zwischen euch gleich gestimmt?

Kelly Hansen: Glücklicherweise hat das gut funktioniert. Wir haben den gleichen Humor und vor allem die gleiche Arbeitsmentalität. Wir wissen alle, um was es geht, und das ist von großem Vorteil, wenn du in einer Band spielst und man sich über einen längeren Zeitraum gegenseitig auf der Pelle hängt.

BaWü: Foreigner zerbrach fast an dem Streit zwischen Lou Gram und Mick Jones. Glaubst du, dass es grundsätzlich schwierig ist für eine Band zu überleben, wenn sie aus zu vielen starken Persönlichkeiten besteht?

Kelly Hansen: Manchmal kann es von Vorteil sein, verschiedene starke Persönlichkeiten in einer Band zu haben, da man sich gegenseitig antreiben kann, das Beste für die Band zu erreichen und alles aus sich heraus zu holen. Das ist der Idealfall, auf der anderen Seite kann es natürlich zu Problemen führen. Wenn Bands sich trennen, geht es hauptsächlich um Frauen, Geld oder Macht.

BaWü: Wenn man sich eure Konzerte heutzutage ansieht, fällt auf, dass Foreigner ein generationenübergreifendes Publikum anzieht. Ganze Familien pilgern zu euern Konzerten und die Kinder können alle Texte von Foreigner mitsingen. Was glaubst du, was das Phänomen Foreigner ausmacht?

Kelly Hansen: Ich denke es liegt daran, dass unsere Musik viel in Filmen, Fernsehserien und Videospielen verwendet wird. Auf diesem Weg hat Foreigner viele neue Fans gewonnen. Ich rede oft mit Leuten nach den Konzerten, und die sagen mir, dass ihre Eltern sie zu unserer Musik gebracht haben. In meiner Generation wäre das nicht cool gewesen, die Musik der eigenen Eltern zu mögen. Es ist die Kombination aus allem zusammen, die eine ständig wachsende Fangemeinde an unsere Musik heranführt.

BaWü: Eure Musik wurde in dem Hollywood-Blockbuster „Rock of Ages“ verwendet. Wie fühlt das sich an, wenn man seine Musik in einem Kinofilm mit Tom Cruise in der Hauptrolle wiederfindet?

Kelly Hansen: Das Musical Rock of Ages kannte ich bereits. Irgendwie ist es komisch – was im Film passiert, ist natürlich witzig, aber gleichzeitig ist es auch wie ein Schock, das eigene Leben darin wiederzuerkennen. Die Zeit, in der der Film spielt, das war genau mein Leben – der gleiche Lebensabschnitt, die gleiche Stadt und dieselben Charaktere. Das war für mich eine emotionale Achterbahn, da ich mir immer wieder die Frage stellte, war mein Leben wirklich so Lustig, so komisch, so interessant? Aber auch so traurig. Dieser Rückblick zeigt mir aber auch, dass dieses Leben vorbei ist. Der Film ist aber auf jeden Fall ein Beweis für die Qualität unserer Songs. Rock of Ages war sicherlich nicht als ein Anwärter für den Oscar geplant. Trotzdem macht der Film viel Spaß.

BaWü: Wie siehst du deine Zukunft in der Band? Was habt ihr noch vor?

Kelly Hansen: Mir macht es einfach gerade extrem viel Spaß. Und solange das Publikum uns hören will und ich persönlich in der Lage bin zu performen, solange wird es uns geben. Ich weiß, dass man sich manchmal auch verändern muss, aber diese Zeit ist noch nicht gekommen.

BaWü: Würdest du persönlich auch mal eine andere Musikrichtung ausprobieren als die, die Foreigner verfolgt?

Kelly Hansen: Wir werden in Zukunft auch an neuen Songs arbeiten. Wir haben das noch nicht endgültig entschieden, aber ich glaube in Zukunft macht es immer weniger Sinn, ganze Alben aufzunehmen, sondern evtl. eher ein oder zwei Songs. Das liegt daran, wie die Musikindustrie heutzutage funktioniert. Die ganzen Anstrengungen und die Zeit, die man in die Produktion eines Albums steckt, lohnen sich nicht mehr, wenn deine Musik dann digital erscheint und die Leute dann am Ende nur ein oder zwei Stücke von dem Album herunterladen. Da muss man sich genau überlegen, ob das noch Sinn macht, auch aus finanzieller Sicht. Es ist schon interessant, wenn man überlegt, dass das Musikgeschäft als reines Single-Business begonnen hat. Erst viel später ging man dazu über, auch ganze Alben zu produzieren. Vielleicht schließt sich der Kreis da und man produziert wieder hauptsächlich Singles. Es ist extrem schwierig, ein hoch qualitatives Album zu produzieren, mit dem man dann auch Geld verdienen kann. Die Verkaufszahlen für Alben und Singles waren früher einfach höher. Was früher gerade mal für die Top 200 gereicht hat, bringt dich heute in die Top 10. Das sagt einiges darüber aus, in welche Richtung das Musik-Business sich heute bewegt.

BaWü: Welche Musik hast du gerade auf deinem iPod geladen?

Kelly Hansen: Zur Zeit höre ich viel der alten Soul-Klassiker und R&B, z.B. von Marvin Gaye. Damals wurden viele gute Songs geschrieben, die sich über die Zeit hinweg mit Verbesserung der Technlogie weiterentwickelt haben.

BaWü: Welches war dein schlimmstes Erlebnis auf der Bühne?

Kelly Hansen: (überlegt sehr lange!) … es gibt so viele. (lacht!). In Paris bin ich mal von der Bühne gefallen. Ich landete direkt auf einem Abgrenzungszaun zwischen Bühne und den Zuschauern und verletzte mich an der Schulter. Ich war kurz bewusstlos, aber die Band spielte weiter. Ich hatte dann ein paar Strophen verpasst und setzte mit dem Gesang wieder ein. Ich wusste, dass meine Schulter in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dann hat mich ein Security an beiden Armen wieder nach oben auf die Bühne gezogen. Der ahnte natürlich nicht, was mit meiner Schulter passiert war. Ich bin dann irgendwann bei einem Solo hinter der Bühne verschwunden und habe ich von einem Arzt behandeln lassen. Er klopft mir ein paar Male auf die Schulter und meinte: „Es ist nichts gebrochen.“ Ich konnte dann für 2 Wochen meinen rechten Arm nicht mehr heben.

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