Sonntag, 25. Oktober 2020, 21:59
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„Gottseidank kam Pam“

Interview mit Joe Cocker RIP

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Ingerview mit der Rocklegende Joe Cocker. Dem BaWü erzählte er von der Kunst des Songwriting und über den Hintergrund seines berühmten Falsett-Schreis.

BaWü: Du bist mehrere Monate im Jahr auf Tour und weg von zu Hause . Deine Freizeit genießt du auf deiner Ranch in Colorado beim Tomatenzüchten und Snookerspielen. Was hat für dich heutzutage einen größeren Stellenwert?

Joe Cocker: Es ist wichtig, die Balance zwischen der stressigen Zeit auf Tour und der ruhigen Zeit zu Hause zu finden. Diese Balance muss stimmen, sonst fühle ich, dass ich an Kraft verliere.

BaWü: Deine Eltern haben deine Wünsche, Berufsmusiker zu werden, unterstützt. Was würdest du deinen Kindern heute mit auf den Weg geben, wenn sie dich um Rat fragen?

Joe Cocker: Meine Eltern waren sich in diesem Bereich eigentlich nicht einig. Es war meine Mutter, die meine musikalischen Bestrebungen unterstützte. Mein Vater hielt das eher für Zeitverschwendung und wollte, dass ich den Beruf des Gasinstallateurs weiter betreibe oder wenigstens einen Beruf in der Hinterhand habe, falls etwas schief gehen sollte. Heute würde ich den Kindern sagen, folgt euerm Herzen. Ich bin der Ansicht, dass sie damit am besten fahren würden.

BaWü: Deine vom Soul getriebene Musik ist stark beeinflusst von Ray Charles und Jerry Lee Lewis. Siehst du Musiker der heutigen Generation, die einen ähnlichen Einfluss auf ganze Generationen haben könnten? Oder verhindert das Musikgeschäft, wie es heute betrieben wird, diese Art von Musik?

Joe Cocker: Du hast Recht. Ray Charles und Jerry Lee waren meine Vorbilder. Heute werden die Künstler immer noch von den großen Musikern der vergangenen Zeiten beeinflusst. Nur mit dem Unterschied, dass ihnen heute ganz neue Musikrichtungen und neue Technologien zur Verfügung stehen. Die Zeiten ändern sich eben.

BaWü: Du sagst von dir selbst, du kannst nicht Gitarre und Klavier spielen. Hast du es jemals bereut, den Songwriter Joe Cocker dadurch verhindert zu haben, so dass dir nur das Nachspielen von Songs anderer Musiker geblieben ist?

Joe Cocker: Ich liebe es immer noch, Songs von großartigen Komponisten aufzunehmen. Aber ich bereue schon, niemals ernsthaft Gitarre oder Klavier gelernt zu haben. Vielleicht irgendwann einmal, so wie es in dem Song „Younger“ heißt, der sich auf meinem neuen Album „Fire it Up“ befindet: „Gonna learn to play the Blues guitar… when I get younger.“

BaWü: Angeblich kam dir die Idee zu deinem Nummer-Eins-Hit „With a little help from my Friends“, als du auf der Toilette warst. Wann und wo holst du dir in der Regel deine kreativen Ideen?

Joe Cocker: Ideen kommen zu jeder Zeit. Zum Beispiel wenn ich mit den Hunden auf der Ranch unterwegs bin oder nachts im Tourbus sitze. Ich lasse Inspirationen zu jeder Zeit zu.

BaWü: Bei deinem legendären Auftritt in Woodstock im Jahr 1969 hattest du perfektes Wetter. Danach kam das große Unwetter und verwandelte das Festivalgelände in eine Schlammwüste. Glaubst du, deine Karriere hätte einen anderen Lauf genommen, wenn du etwas später mitten im Unwetter gespielt hättest?

Joe Cocker: Wenn ich zurückschaue, glaube ich, dass das wohl so sein musste. Es war das größte Konzert , das wir bis dahin gespielt haben. Wir waren jung und wollten Woodstock rocken. Das Wetter war da egal.

BaWü: Vor Woodstock hattest du eher vor 200 Zuschauern gespielt. Dann standest du plötzlich einer Menschenmenge von 400.000 gegenüber. Wie groß war deine Angst? Was ging in deinem Kopf vor?

Joe Cocker: Es ging alles so schnell. Wir hatten gar keine Zeit nervös oder ängstlich zu werden. Wir flogen mit dem Hubschrauber 5 Minuten vor dem Auftritt ein. Als ich dann auf der Bühne stand, war der magische Moment da.

BaWü: Du bist heute stimmlich so gut wie nie und deine Gesundheit spielt auch mit. Glaubst du, dass es heute Joe Cocker noch geben würde, hätte er seine Frau Pam Baker nicht getroffen?

Joe Cocker: Pam hatte einen großen Einfluss auf mich. Durch sie habe ich verstanden, dass die Richtung, die ich eingeschlagen hatte, nicht gut für mich war. Sie zeigt mir den richtigen Weg. Gottseidank kam Pam.

BaWü: Für dein neues Album „Fire it Up“ haben dir über 60 Komponisten Songs angeboten. Wie schwer ist es für einen Songwriter, Joe Cocker zufrieden zu stellen? Wonach bemisst du die Qualität eines Songs. Wie oft musst du einen Song hören, um eine Entscheidung zu treffen?

Joe Cocker: Gerade für einen Sänger in meinem Alter ist es schwierig Songs für ein Album auszuwählen. Ich bin immer auf der Suche nach großartigen Texten, die für mich Sinn ergeben, an die ich glauben kann und die ich authentisch erzählen kann. Texte wie „Baby, Baby“ kann ich heute nicht mehr singen. Am Ende kommt es also auf einen guten Text und eine starke Melodie an, die mich jedesmal, wenn ich sie höre, fesselt.

BaWü: Ein typisches Markenzweichen für Joe Cocker ist dieser Falsett-Schrei, den du mit Ray Charles gemein hast (insbesondere in „With a little help…“). War das ein Schrei der Erlösung? Oder war es eher ein Hilfeschrei zu Beginn deiner Karriere, als du schwer mit dem Alkohol zu kämpfen hattest?

Joe Cocker: Eigentlich keins von beiden. Der Woodstock-Schrei passierte absolut spontan. Hätte ich damals gewusst, dass ich diesen Schrei jeden Abend auf der Bühne wiederholen muss, hätte ich ihn vielleicht gar nicht versucht.

BaWü: Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast.

Joe Cocker: Vielen Dank, Clemens, ich hoffe, ich konnte dir helfen.

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